Der Drache in der Frühlingssuppe

 

Ein langer grauer Winter war zu Ende. Eines Morgens erwachte der Kaiser, und seine Nase sagte ihm:

Es riecht nach Frühling. Er blinzelte, weil die Sonne so hell ins Zimmer schien. Und das Zwitschern der kleinen Vögel tönte angenehm in seinen Ohren. Da zog er sich an und ging hinaus in den Garten, wo er einige junge Kräuter auszupfte. Er gab sie seinem Koch, damit der ihm eine gute Frühlingssuppe daraus kochte. Als die Suppe fertig war, ließ der Kaiser den dampfenden Topf draußen im Hof aufstellen und setzte sich daneben.

Jedes Jahr im Frühling nämlich erhob sich Haolan, der blaue Drache, aus seinem Winterschlaf am Grund des großen Flusses und rauschte durch die Luft zum Kaiserpalast, wo er dem Kaiser in die Suppe spuckte.

Drachenspucke bringt ja bekanntlich Glück für das ganze Jahr.

„Komm, Haolan, alter Freund!“, rief der Kaiser laut in die Luft.  „Erfreue dich an dem Duft meiner Suppe!“

 

Dieses Mal jedoch musste der Kaiser lange warten. Als die Suppe schon fast kalt war, schwirrte etwas Blaues heran. Aber konnte das der mächtige Drache sein? Er war ja kaum größer als ein Hühnchen. Und seine Farbe war ganz verblasst.

„Deine Suppe riecht wirklich vorzüglich, Kaiser“, zischte Haolan. „Leider musste meine Nase den ganzen Winter lang ganz andere Düfte ertragen. Hier, schnuppere mal!“

In diesem Moment stieg ein Gestank aus dem Topf auf, dass der Kaiser sich nur noch die Nase zuhalten konnte. Oh weh, nur ein sehr, sehr schlecht gelaunter Drache pinkelt in die Suppe!

Haolan schüttelte sich und hauchte dem Kaiser ins Ohr: „Nimm mich mit in deinen Palast und füttere mich gut, damit ich wieder zu Kräften komme.“„Gewiss doch“, versprach der Kaiser, „was du willst, sollst du bekommen.“

So nahm er den Drachen mit in die Palastküche.

 

„Brate mir als Erstes fünf freche kleine Jungen“, forderte Haolan.

„Um Himmels willen!“, schrien der Kaiser und sein Koch.

„War nur ein Scherz“, hauchte der Drache. „Ich bin doch Vegetarier. Also bringt mir Bambussprossen, in Sesamöl geschwenkt, und Frühlingszwiebeln in Orangensoße.“

So fütterten die kaiserliche Bediensteten Haolan sieben Tage lang mit frischem Gemüse. Danach war er wieder stark, groß und schön und von reinstem Blau.

 

„Nun will ich dir etwas zeigen.“

Haolan nahm den Kaiser auf den Rücken, schwang sich mit ihm empor und flog zum großen Fluss. Je näher sie kamen, desto scheußlicher roch es. Und scheußlich sah es auch aus, das wenige Wasser, was noch da war!

Der Kaiser merkte, dass die Menschen in seinem Reich ganz viel Dreck in den Fluss geworfen hatten. So viele Menschen und so viel Dreck ...

„Das ist ja schlimm!“, sagte der Kaiser. „Ich erlasse sofort ein Gesetz, das den großen Fluss und alle anderen Gewässer im ganzen Land schützen soll. Kein Mensch darf dann noch  Müll und Dreck ins Wasser werfen. Dann wird alles wieder gut, Haolan.“

Der Drache brachte den Kaiser zurück in seinen Palast und setzte ihn dort ab. „Wir sehen uns nächstes Frühjahr!“, rief Haolan dem Kaiser zu und flog davon.

 

Der Kaiser arbeitete hart an seinem neuen Gesetz und daran, es im ganzen Reich bekannt zu machen. Er hatte so viel zu tun, dass er kaum noch Zeit dafür fand, aus dem Fenster zu sehen. Unterdessen brachte die Schneeschmelze in den Bergen frisches Wasser für den Fluss, und die warme Sonne ließ unzählige Blumen erblühen.

An einem besonders schönen Tag standen plötzlich fünf freche kleine Jungen vor dem Kaiser und sagten:

„Papa, heute musst du aber mal einen Ausflug mit uns machen. Wir wollen zum Bergsee. Bitte!“

Diesen Wunsch konnte er ihnen nicht abschlagen.

 

Der Bergsee war tief und klar, das Wasser war sauber und die Sonne strahlte vom Himmel. Die fünf Söhne des Kaiser schwammen, plantschten und tobten herum und der Kaiser sah ihnen lächelnd zu. Doch einmal schimpfte er laut mit Ping, seinem Jüngsten:

„Was fällt dir ein, im hohen Bogen in den See zu pinkeln, du schmutziger Katzenbär! Denk an den Drachen Haolan,

er wird böse, wenn du sein Wasse trübe machst.“

Ping war ein bisschen verlegen, denn er hatte ganz vergessen, dass alle das Wasser immer rein halten sollten.

Weil er sich vor den anderen schämte, schwamm er weiter hinaus auf den See.

 

Plötzlich tauchte vor Ping ein Wesen auf, das größer war als der größte Fisch und blauer als jedes Blau, das der kleine Ping kannte. Es fasste ihn gleichzeitig von allen Seiten und zog ihn hinunter in die Tiefe!

Aber Ping geschah nichts Böses – im Gegenteil. Wunderbarerweise konnte er im Wasser atmen und alles sehen:

den silbernen Sand auf dem Grund, wunderschöne Fische und merkwürdige Pflanzen. Er sah und staunte und vergaß die Zeit.

Irgendwann brachte ihn das fremde Wesen wieder nach oben und verschwand. Ping schwamm zurück zu den anderen, erzählte aber keinem von seinem Erlebnis. Vielleicht hatte er ja doch alles nur geträumt?

 

Ein Jahr verging, mit heißen Tagen und mit regnerischen, mit Sturm und Schnee. Und es kam auch wieder der Tag für die Frühlingssuppe. Als sie zubereitet war, stellte sich der Kaiser mit dem dampfenden Topf auf den Hof und rief nach Haolan.

Da rauschte es von mächtigen Flügeln in der Luft, und der Drache erschien. Seine Nasenflügel bebten, als er den köstlichen Duft der Suppe einatmete.

„Ich sehe, dass du dir Mühe gibst“, rief Haolan. „Mit deiner Suppe und mit dem Fluss. Mach weiter so!“

Er spuckte schwungvoll in die Suppe, so dass sie aufwallte und noch wundervoller roch als vorher.

Der Kaiser jubelte vor Freude.

 

Haolan aber drehte im Flug eine Extrakurve über dem Garten des Kaisers, wo ganz hinten der kleine Ping in einer Pfütze geschmolzenen Schnees herumstapfte. Er sah auf, als plötzlich etwas Riesiges, Blaues über ihn hinwegrauschte, so schnell, dass er gar nicht verstand, was los war. Aber dann griff er sich in die Haare und wunderte sich. Er rannte zu seinem Vater in den Hof und schrie wütend:

„Papa, Papa! Mir hat einer auf den Kopf gespuckt!“

Da lächelte der Kaiser, gab Ping einen Kuss auf die Stirn und sagte:

„Mein lieber Sohn, du bist ein Glückskind!“